Göttin unter Sterblichen
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Der Schnee knirschte unter ihren Pelzstiefeln. Ihr Atem kam stoßweise und in kleinen weißen Wölkchen aus ihrem Munde. Es war bitterkalt, aber so war nun mal der Winter hier im hohen Norden Tyrias.
Der Gestalt schien die eisige Kälte weniger auszumachen als die Steigung des Berges, doch sie stapfte weiter. In einer gekrümmten Haltung zwar und dick eingepackt in eine fellige Rüstung, doch unerbitterlich ihrem Willen folgend stieg sie alleine den Berg hinauf. Alleine war sie tatsächlich, doch niemals einsam nicht solange sie Grenth an ihrer Seite wusste...
Sie war noch nicht oben angekommen, als sie am Himmel schon die grünen Nordlichlichter tanzen sah. Nun hatte sie eindeutig die nördlichen Zittergipfel hinter sich gelassen, und näherte sich allmählich ihrem Ziel.
Sie atmete erleichtert auf, als sie auf dem Berg angekommen war. Von nun an konnte sie bergab gehen, und die Schritte mit den schweren, voll gesogenen Stiefel würden ihr nicht mehr so schwer fallen. Einen Moment gönnte sie sich eine Pause und ließ ihren Blick ins Tal schweifen.
Der zugefrorene See war umsäumt von dunkelgrünen Nadelbäumen, auf deren Äste sich noch immer der Schnee des letzen Blizzards lag. Ihr Blick fiel auf das gigantische Gebäude in mitten des Sees: das Auge des Nordens. Noch vor dem Abend würde sie es erreicht haben.
In der ferne heulte ein Wolf auf, und erinnerte sie daran wie alles begann. In jener Nacht als sie vor den Füßen einer Götterskulpur gekauert hatte, bevor sie der Wolf angriff. Als sie ihren ersten Diener schuf, ohne zu wissen wie… Lange war dies nun schon her.
Eine frostige Böe wehte ihr in den Rücken und zerzauste ihr weißes Haar. Sie zog sich den Kragen der Nornrüstung höher und begann mit dem Abstieg ins Tal.

Sie klopfte sich den Schnee von der Rüstung. Wachen der Vorhut standen am Eingang und grüßten sie freundlich. Das Auge war wie immer überfüllt und ihr fiel wieder ein, warum sie diesen Ort seit dem Sieg über die Zerstörer nicht mehr aufgesucht hatte.
Zögernd betrat sie die Halle, es wurde still – sehr still. Sie ließ ihren Blick in die Menge schweifen, die sie alle anzustarren schienen. Unbehaglich senkte sie den Kopf, so dass ihre Haare auch noch die letzte sichtbare Narbe an ihrem Körper verdecken konnten.
„Lady Amanzia!“, es war Gedrel von Ascalon „Willkommen zurück im Auge des Nordens!“ Er machte eine voluminöse Geste mit seinen Armen.
„Hattet Ihr eine angenehme Reise?“
Amanzia hob ihren Kopf gerade genug um Gedrel in die Augen zu sehen. Aus ihren Augenwinkeln versuchte sie die Leute zu erkennen, die gespannt das Szenario beobachten.
Verwirrt über diese Aufführung nickte sie nur.
Nach einer kurzen Pause ergriff Gedrel das Wort „Nun, der Grund warum ich nach Euch schicken ließ ist folgender: Ich möchte Euch etwas Zeigen. Etwas was in Zusammenarbeit mit Kaiser Kisu und den wohl gesonnenen Elonas, aus Dank für Eure Dienste entstanden ist.“
Er hielt kurz inne um Ihre Reaktion zu beobachten, doch außer Überraschung und Unsicherheit konnte er nichts feststellen.
„Wenn Ihr mit bitte folgen wollt.“
Er ging voran, durchquerte die Halle und steuerte auf die kleinere Nebenhalle des Gebäudes zu. Lady Amanzia folgte nur sehr widerwillig, denn sie spürte die Blicke der anderen hinter ihrem Rücken.
Am Portal blieb Gedrel stehen und wartete, dass sie aufschloss. Als sie ihn erreicht hatte gab er das Zeichen die Tore zu öffnen, sie gingen hinein und die Tore schlossen sich wieder.

Direkt am Eingang standen Odgen und Vekk, dessen große schwarze Augen regelrecht Strahlten. Gwen fiel ihr erst auf als sie einmal leise in die Hände klatschte, denn sie stand etwas Abseits unterhalb der Treppe neben dem Spähbecken.
Amanzia kannte diesen Raum sehr gut, von hier aus waren sie mit ihrer Mission gegen die Zerstörer gestartet. Doch etwas war anders. Sie kniff die Augen zusammen und machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne.
„Nur zu“ bekräftigte sie Gedrel. „traut Euch, Mylady!“
Sie sah ihn an, sein Gesicht strahlte voller Stolz und sein Lächeln war so breit wie das Deldrimorbecken. Irgendwas ging hier vor sich…
Entschlossen herauszufinden was es war, ging Amanzia die 3 Stufen hinab zu dem linken Podest. Entzückt betrachtete sie die in Stein gemeißelten  Miniaturen, unter deren auch ihre liebsten waren.
„Sie entstanden in den Tiefen von Tyria, durch das Kunsthandwerk der Zwerge.“, hörte sie Gedrels Stimme hallen. „So wie auch die nächsten.“
Es waren nur wenige Schritte zum nächsten Podest, und als sie die Statuen sah, leuchteten selbst ihre Augen. Hier standen die Abbilder ihrer treuen Gefährten welche so echt aussagen, als würden sie jeden Moment zu sprechen anfangen.
Vor einer zierlichen Frau blieb sie stehen. Jahre mussten vergangen sein, seit sie Tahlkora das letzte Mal gesehen hatte. Wie sie heute wohl aussah…
Nun neugierig auf das Folgende waren ihre Schritte federnd und zügig geworden. Auf dem nächsten Podest standen weitere Statuen, doch sie musste näher heran um die kleinen messingfarbenen Schildchen zu lesen: „Bezwingerin der Tiefe – Es Danken der Klan des Krebses, der Schildkröte und der Schlage“, „Freundin der Kurzick – Es Dankt das Geschlecht der zu Helzer“, „Beschützerin von Tyria – Es Dankt König Dorric“.
Sie runzelte die Stirn. Was hatte das zu bedeuten? Das Podest war gefüllt mit diesen Sinnbildern.
Sie trat einige Schritte zurück, als ihr ein Schild ins Auge fiel. Es war größer als die anderen und am Podest selbst angebracht: „Göttin unter Sterblichen“.
Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust und ihr Körper wurde von einem unheilvollen Kribbeln durchströmt. Göttin unter Sterblichen? Was ging hier vor sich?
Sie wandte sich um, um das nächste Podest zu begutachten und erstarrte. Dort stand sie! Zumindest Abbilder von ihr, in Rüstungen, die sie einst besessen hatte.
Plötzlich fielen ihr Gedrels Worte ein „…aus Dank für eure Dienste…“, diese Halle war ihr Gewidmet!?!
Wut kochte in ihr hoch und begleitete ihr Herzrasen und hätte sie die Möglichkeiten eines Elementarmagiers besessen, hätte sie diesen Stein augenblicklich zerstört. Dieses närrischen Menschen, wann würden sie aus ihren Fehlern lernen?
Wutendbrand stürmte sie los, sie hörte Gwens Stimme doch registrierte sie nicht was sie sagte. Sie rauschte an Gedrel vorbei, sie wollte einfach diesen niederträchtigen Ort so schnell wie möglich verlassen.
„Ge-ge-gefällt es Euch nicht?“, stotterte Gedrel ihr hinterher.
Wie von Blitz getroffen blieb die Nekromantin stehen, nur wenige Fuß vor dem Tor. Sie drehte sich zu Gedrel um, und der Mann konnte Hass in ihren Augen sehen.
„Nicht mich sollt ihr verehren, sondern Grenth!“, fauchte sie. „So wie Ihr auch nicht ein Schwert verehrt, sondern den Krieger der es führt!“.
Mit diesen Worten verschwand sie aus der Halle der Monumente und verschwand auch aus dem Auge des Nordens, um es nie wieder zu betreten.
Zurück blieben eine sprachlose Masse von Menschen und eine gewidmete Halle voller Statuen.

Und so dick die Staubschicht heute auch auf ihnen ist, die Mahnmale erinnern noch immer an eine Heldin, die keine sein wollte.



Fortsetzung:
03. Als die Götter die Welt verließen









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