Als die Götter die Welt verließen
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Lady Amanzia schlug die Augen auf und lauschte in die Dunkelheit, doch da war nichts zu hören, außer der Atmen ihrer Gefährten die schliefen und das gelegentliche Schnarchen des Kriegers.
Misstrauisch zog sie die Brauen zusammen. Gerade eben war sie sich ganz sicher gewesen, ihren Namen gehört zu haben. Ihren wahren Namen, ein Klang, den sie vor langer Zeit vergessen hatte und den niemand in diesem Land mit der ‚Lady Amanzia’ verbinden würde.
Lady Amanzia, die nicht nur Tyria und Chanta, sondern auch Elona vor einem besonders finsteren Schicksal bewahrte. Ein Namen, der in die Geschichte einging und der immer nur ein Pseudonym gewesen war.
Sie blieb noch minutenlang in einer angespannten Lage liegen,um zu Lauschen, bevor sie den Kopf zurück auf ihre Tasche sinken ließ und beschloss weiterzuschlafen.

Es verging kaum Zeit, als sie es erneut hörte. Leise und frostig, wie ein Flüstern des Windes durch schneebedeckte Tannenzweige. Dieses Mal setzte sie sich auf und ließ den Blick über ihr Nachtlager schweifen. Im Lagerfeuer glühten noch vereinzelte Scheite und erhellten wage das Gesicht der Elementarmagierin. Direkt hinter ihr, lag die kleine zierliche Mönchin, die bis auf ihre Haare nicht zu sehen war. Neben ihnen, der Waldläufer, die Assassinin und zu guter letzt, der laut schnarchende Krieger. Sie alle schliefen, keiner von ihnen schien die Stimme gehört zu haben. Niemand außer sie selbst.
Lautlos richtete sie sich auf, um sich in der nebeligen Landschaft umzusehen. Sie waren gezwungen gewesen, bei Einbruch der Nacht ihr Lager hier zu errichten, denn es war gefährlich bei Dunkelheit durch den Schwarzen Vorhang zu reisen. Jedoch nicht wegen der Gespenster und Höllenhunde, die hier ihr Unwesen trieben. Die Sümpfe des Schwarzen Vorhangs waren tückisch, die Pfade schmal und jeder falsche Schritt, konnte der letzte sein.
Der Waldläufer hatte ihnen davon abgeraten, weiterzuwandern und er hatte Recht gehabt.
Der Tempel der Zeitalter lief ihnen nicht davon und die Unterwelt würde morgen noch immer dieselbe sein, wie heute. Es war das Risiko nicht wert gewesen.
Wehmütig dachte die Nekromantin an die Unterwelt. Nicht ein Schatz hatte sie dazu veranlasst sich der Heldengruppe anzuschließen, sondern ihre Suche. Ihre Suche, die bereits eine gefühlte Ewigkeit andauerte und die sie immer rastlos von einem Ort zum nächsten drängte. Die Suche nach ihrer Gottheit. Die Suche nach Grenth.
Wie viele Jahre bereits vergangen waren seit beginn des Exodus, wusste sie nicht. Der Prozess war schleichend. Melandru, war die erste gewesen, die sich abgewandt hatte kurz darauf folgten Lyssa und Balthasar, doch selbst das war Lady Amanzia lange entgangen. Als Dwayna jedoch verschwand brach Panik und Hysterie überall im Lande aus. Zwar blieb die Magie, wie vorher bestehen, doch war sie kraftlos und schwach und nur in den Händen Fleißiger oder Begabten wirksam.
Doch selbst das Verschwinden, der Göttin des Lebens und der Luft, ließ Lady Amanzia kalt. Es kümmerte sie nicht, denn sie war niemals alleine.

Wie ein Schatten bei Nacht war er gewesen. Nicht immer zu sehen, aber allgegenwärtig, wie die Luft die sie atmete. Seine Stimme, Musik in ihren Ohren und jede Berührung wie die ersten, warmen Sonnenstrahlen nach einem harten Winter. Er war der Gott des Todes und des Eises, doch trotzdem war er der Grund ihres Handelns, der Grund ihres Denkens – er war ihr Leben. Von Anbeginn.
In der Ferne heulte ein Wolf und erinnerte sie, an die erste Begegnung. In jener schicksalhaften Nacht, als sie gepeinigt, geschunden und gebrochen vor den Füßen seiner Statue lag und begriff, dass ihr Leben weniger war, als ein Haufen Scherben und das in dieser Leere ihres Seins, nichts fruchtbares wachsen würde. Da hatte Grenth sich gebückt, um die Scherben aufzulesen. Hatte sich gebückt, um das Gefäß zusammenzusetzen und die Leere darin zu füllen. Und so schuf der Gott des Todes neues Leben, ein Leben, das ihm fortan gewidmet war.
Wo auch immer sie hinging, war Grenth an ihrer Seite gewesen. Wann auch immer sie zweifelte, leitete Grenth sie auf den richtigen Pfad.
Nicht eine Schlacht, hatte sie für sich geschlagen. Keine ihrer Kämpfe für andere ausgetragen. Lady Amanzias gesamte Loyalität – ihr ganzes Leben galt ihrer Gottheit.
Und nun war er verschwunden.
Sie schauderte.
Wie sehr sie das Flüstern seiner Stimme vermisste, das Kribbeln in ihrem Körper, das sie während seiner Anwesenheit spürte. Nun war er fort und hatte sie alleine gelassen.
Mit einem Schlag, hatte Lady Amanzia verloren, was seit Anbeginn ihr Lebensinhalt gewesen war. Ohne Halt, ohne Hilfe hatte er sie zurückgelassen, doch vor allem ohne Sinn.
Lady Amanzia sah sich in der schaurig, schönen Nachtlandschaft um, in der kahle Bäume ihre knorrigen Äste durch den Nebel reckten.
Sie würde nach ihm suchen, selbst wenn dies eine Ewigkeit andauerte. Sie würde so lange nach ihm Suchen, bis sie ihn gefunden hatte.
Ihre Augen suchten den dicken Nebelschleier vor ihr nach einer Bewegung ab. Doch noch immer war nichts zu sehen. Sie waren alleine.
Sie seufzte und wandte sich zum Gehen, als sie es klar und deutlich hörte.
Jemand hatte ihren Namen gesagt! Flink fuhr sie herum, hatte ihr Zepter ergriffen und sah in die Richtung, aus der sie die Stimme vermutete.
„… komm nach Hause … komm Heim“
Ungläubig hielt sie den Atem an. Das Flüstern war leise, kaum vernehmbar und sie spürte es ganz deutlich in ihrem Innern. Es füllte sie mit Wärme und der vertraute Klang ließ Hoffnung in ihr aufkeimen, wie eine Schwertlilie.

„Wo seid IHR?“ Sie zuckte zusammen, als das Echo ihrer Stimme vom Sumpf verschluckt wurde, doch sie bekam keine Antwort.
„… komm nach Hause … komm Heim“ Die Stimme entfernte sich, die wohltuende Wärme in ihr, flaute ab.
„GEHT NICHT WEG, HERR, GEHT NICHT WEG!“
„… komm nach Hause … komm Heim“
In Panik stolperte sie vorwärts, versuchte seinem Wink zu folgen ohne auf ihre Schritte zu achten. Sie versank knietief im moorigen Wasser, das stinkende Gebräu lief ihr in die Stiefel, machte jeden ihrer Schritte schwerer. Sie zog sich am scharfkantigen Schilf, das ihr die Hände zerschnitt, hinaus und taumelte wie im Wahn weiter.

Doch Lady Amanzia achtete nicht darauf, zu groß war die Angst, dass er wieder von ihr ging, nun da er sie gefunden hatte. Jetzt, da sie fragen konnte, warum er sie überhaupt verlassen hatte.
Während sie der Stimme folgte, die sie unermüdlich aufforderte nach Hause zu kommen, begann die Dämmerung. Vorsichtig kroch das Licht über den Rand des Horizonts, noch bevor die Sonne ihre Strahlen über Tyria ergoss.

Unermüdlich war Lady Amanzia gelaufen, die ganze Nacht und sie war erst stehen geblieben, als die Stimme verstummt war.
Ihr Atem ging keuchend und unregelmäßig, ihre Seiten schmerzten fürchterlich und ihre Rüstung war verdreckt und unvollständig. Die Stiefel waren bereits zu Beginn irgendwo im Moor stecken geblieben. Von den restlichen Teilen hatte sie sich unterwegs entledigt, da die voll gesogene Lederrüstung schwer wurde und unangenehm scheuerte. Nur die Handschuhe waren ihr geblieben und das nun dreckige, zerrissene Unterkleid.
Sie zitterte vor Erschöpfung und blinzelte verwirrt, als sie erkannte wo sie angekommen war. Nur zögerlich setzte sie einen nackten Fuß vor den anderen, während sie sich umsah. Doch hier war niemand; denn es war zu früh am Morgen.
Ungläubig blieb die Nekromantin stehen und sah sich in der vertrauten Umgebung um. Schon in wenigen Stunden würde es hier wimmeln von Mönchen, Nekromanten, Assassinen und anderen Leuten. Sie alle waren nur auf die Schätze der Unterwelten aus. Sie alle, wussten nichts von dem wahren Reichtum.
Die steinernen Statuen, der Götter sahen aus ihren blinden Augen von den kleinen Hügeln auf ihren Gast herab. Die Nekromantin hielt den Atem an und lauschte, doch der Ruf war verklungen.
Sie drehte den Statuen den Rücken zu, um zu jener zu gehen die etwas bedeute. Jene, die ihr Leben bedeutete und ließ sich ehrfürchtig auf die Knie sinken legte die Hände auf den kalten Stein und bat stumm um eine Erklärung.
Der blaugrüne Horizont verblasste, als die ersten Strahlen der Sonne über das Gebirge krochen und die Senke noch in seinem eigenen Schatten liegen ließ.
„Komm nach Hause … komm heim.“
Und da verstand sie. Verstand endlich die Stimme, die tief aus ihrem Inneren zu kommen schien und ihr sehnlichstes, tiefstes Verlangen ausdrückte und endlich konnte sie dem Ruf folgen.


Chrysanias Blick war besorgt.
„Nun komm schon, es ist an der Zeit aufzubrechen!“
Nur widerwillig wandte sich die junge Mönchin ab, nicht jedoch ohne zuvor noch einmal einen Blick in den sich lichtenden Nebel zu werfen.
„Nun komm schon!“, beharrte die Elementarmagierin. „Sie ist und bleibt eine Einzelgängerin. Mach’ dir keine Sorgen!“
Diese Worte spendeten keinen Trost: Doch sie hatte schließlich eine Abmachung mit ihren Gefährten, die den Aufbruch wegen des Verschwindens der Nekromantin ohnehin schon verzögert hatte.
Jetzt würden sie erst am frühen Nachmittag im Tempel der Zeitalter eintreffen und damit in Konkurrenz von unzähligen anderen Gruppen stehen, die ebenfalls in die Unterwelt aufbrechen wollten.
Chrysania seufzte. Wo auch immer Lady Amanzia nun steckte, sie bat darum, dass Dwayna über sie wachen würde.
Die Sonne stand am Zenit, als sie endlich das Portal zum Tempel durchschritten. Die Mönchin spürte noch, bevor sie die große Menschentraube sah, dass etwas nicht stimmte. Der Stand des Kaufmanns war verweist und sogar die Xunlaitruhen verschlossen und zurückgelassen. Ratloses Gemurmel ging durch die Menge der Schaulustigen.
„Was ist hier los?“, versuchte einer ihrer Gefährten vergeblich zu erfahren und reckte den Hals.
„Es ist nicht mehr möglich in die Unterwelt zu gelangen!“, antwortete ein grimmig drein blickender Mönch.
„Kein Ektoplasma mehr?“, rief ein nahe stehender Assasine panisch.
„Sieht ganz so aus“, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Aber wie ist das möglich?“
Doch Chrysania interessierte dies nicht mehr. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend schlängelte sich die zierliche Frau durch die gaffende Menge, ohne die wütenden Kommentare zu beachten.
Sie schickte ein Stoßgebet an Dwayna, obwohl sie wusste dass diese schon lange nicht mehr erhört wurden, bevor sie sich zwischen den letzten Menschen hindurchgequetscht hatte. Doch als sie vorne ankam, stockte ihr Atem und das Blut schien ihr in den Adern zu gefrieren. Sie hatten die Lady Amanzia gefunden
Ihre Haut hatte dieselbe Farbe wie der weiße Marmor von Grenths Statue, zu dessen Füßen sie lag. Ihre Augen starrten leer und ausdruckslos in eine Welt, die den Lebenden von nun an für immer verschlossen war, doch der Blick ließ Chrysania schaudern.
Auf ihrem Gesicht lag ein Lächeln, ein Lächeln das zuvor niemand gesehen hatte und ein Ausdruck tiefer Glückseeligkeit verzerrten das Bild, das die Nekromantin darbot. Chrysania sah auf ihre Armen, an denen die Venen willentlich geöffnet worden waren.
Lady Amanzia war gegangen und jener Tag würde in die Geschichte eingehen. Nicht weil die Nekromantin gestorben war, nicht weil man sich ihrer Taten erinnerte, sondern weil es jener verhängnisvolle Tag war, der das Leben aller bedeutend ändern würde. Lady Amanzia war mit Grenth gegangen, an jenem Tag, als die Götter die Welt verließen.






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