Yǒngs Hoffnung
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Yong stapfte durch den für sie Hüfthohen Schnee. Die eisige Kälte trieb ihr Tränen in die Augen, zumindest sagte sie sich, dass es an dem schneidenden Wind lag.
Ihre Hände waren so taub, dass sie selbst in einer Notlage nicht im Stande gewesen wäre ihre Dolche zu ziehen. Aber sie spürte weder die tauben Hände, noch die verfrorene Füße, denn es war etwas viel dramatischeres geschehen. Etwas, das ihre heile Welt ins Chaos gestürzt hatte – sie war allein…
 
Der Schneesturm um sie herum tobte immer wilder, als wollte er die junge Assassinin daran hindern ihren Weg fortzusetzen. Aber dafür brauchte es nicht mehr viel. Nach wenigen Metern, sank sie in den tiefen Schnee, nicht im Stande aufzustehen, nicht im Stande weiterzudenken…


Als sie die Augen aufschlug sah sie auf den taghellen, azurblauen Vormittagshimmel. Links von ihr prasselte ein wohlig warmes Feuer und als sie ihm den Kopf zudrehte sah sie die großen Gestalten, die um die Feuerstelle versammelt waren.
Erst jetzt bemerkte Yong, dass sie in schwere, muffige Pelze eingewickelt war. Eine der Gestalten hatte bemerkt dass sie wach war, stand auf und kam zu ihr herüber. Jetzt erkannte Yong dass es Norn waren. Die Frau lächelte sie an, und eine Hand die so groß war wie Yongs Kopf ergriff das Pelzknäul und setze es mitsamt der Assassinin aufrecht hin.
„Du solltest der Großen Bärin dafür danken, dass du noch Ohren und Zehen besitzt!“, sagte die Frau mit einer überraschend tiefen Stimme. Einer der Männer am Feuer reichte ihr einen eimergroßen Krug, den sie an Yong weiterreichte.
Die junge Frau musste all ihre Kräfte aufbringen, um ihre Arme aus dem Pelzknäul zu befreien, in das man sie gewickelt hatte. Mit schmerzenden Fingern packte sie den Krug, den ihr die Nornfrau hinhielt.
„Trink das!“, sprach sie. „Bald kannst du deinen Magen auch mit etwas festem füllen.“
Ihr Blick glitt zurück zum Feuer, und Yong erkannte dass einer der Männer ein gebrutzeltes Tier auf einem Spieß drehte.
„Wo sind wir?“, fragte sie nachdem sie sich schmerzlich an das erinnerte, was geschehen war.
„In Olafsheim.“ brummte einer der Männer.
Yong stöhnte. Ihr ganzer Weg war umsonst gewesen, wenn sie jetzt wieder hier war.
„Hat dieser Nekromant dich in den Schneesturm geschickt?“, fragte ein rothaariger, bärtiger Norn sie.
Ihre Augen verengten sich, wütend. „NEIN!“
Aus Trotz nahm sie einen kräftigen Schluck aus dem Krug, den man ihr gegeben hatte. Sie prustete und hustete, als sie das Gesöff gekostet hatte, das entfernt an abgestandenes Bier erinnerte. Die Norn lachten. Eins wusste die junge Frau: hier würde sie nicht bleiben.


Yong seufzte gequält, als sie die Anhöhe des Saoshangweges erreichte und von dort an die Pagodendächer des Klosters von Shing-Jea im Tal erkennen konnte. Eigentlich hatte sie vor gehabt an diesen Ort nicht mehr zurückzukommen...
Als sie das Tor mit den zwei steinernen Tempelwächtern passierte, fiel ihr auf dass das Kloster bis auf den kleinsten Stein wieder aufgebaut wurde. Nichts erinnerte mehr an die schrecklichen Ereignisse, die nun in der Vergangenheit lagen um vergessen zu werden. Alles schien so zu sein, wie es vor dem Angriff war. Unzählige Schüler tummelten sich herum. Einige Händler feilschten mit Kunden an ihren Ständen und an den Xunlai-Truhen hatte sich mal wieder eine große Menschentraube angesammelt.
Nun, hier würde sie bleiben. Wenn er zurückkam, dann würde er hier nach ihr Suchen.

 

Stunden vergingen, Tage, Wochen und Yong Rèn Liu tat, was ihrer Natur und ihrem Charakter so widersprüchlich war wie ein buntes Gewand an einem Kurzick: sie wartete.
Ihre Tage verbrachte sie mit Auskundschaften der Gegend, ihre Nächte mit patrouillieren auf der Stadtmauer. Alle freundlichen Einladungen und Wortwechsel ehemaliger Novizen ging sie aus dem Weg. Sie verabscheute ihre Gesellschaft, denn jene eine nach der sie sich so sehnte blieb weiterhin aus…
Yong hatte schon vergessen, wie viele Tage vergangen waren, seit sie das Kloster wieder aufgesucht hatte. Die Dunkelheit war gerade hereingebrochen und große, dunkle Wolken verhüllten nun den Vollmond. Die junge Assassinin begann ihre alltägliche Abendpatrouille auf der Stadtmauer. Wie immer startete sie ihren Gang im Osten und balancierte gegen den Uhrzeigersinn auf den uralten Steinen. Es war ruhig im Dorf, mit ein Grund warum sie diesen Gang lieber am Abend als im regen Tagtreiben tat, zudem war sie im fahlen Licht der Lampions kaum auszumachen. Yong kletterte ungeschickt über das Stadtor. Nun war sie im westlichen Teil des Klosters und fast am Ende ihrer ersten Patrouille – wieder nichts.
Etwas sauer, aber vor allem enttäuscht setzte sie sich und ließ ihre Beine gegen die Außenmauer baumeln. Betrübt kaute sie auf ihren Lippen und lauschte den Nachtgeräuschen, während ihr ein sanfter Wind durch die Haare strich. Sie schloss die Augen. Man konnte ganz leise das Rauschen des nahen Meeres hören, und sogar eine salzige Brise mit dem Wind aufschnappen. Aber da war noch etwas in der Luft – ein Geruch den sie zu gut kannte.
Mit einem Mal riss Yong die Augen auf, sprang auf und eilte die Mauer weiter entlang  Richtung Süden.  Nicht weit von der Stelle an der sie gesessen hatte war der Geruch noch stärker, sie blieb stehen und starrte an der Stelle in die Dunkelheit, in der sie die Ursache vermutete.
Und dort bewegte sich etwas! Yongs Herz schlug ihr bis zum Hals, doch es entfernte sich von der Stadtmauer. „Halt!“, rief die Assassinin verzweifelt, doch das etwas interessierte sich nicht für ihren Einwurf, und die Geräusche entfernten sich.
Ohne lange zu überlegen preschte Yong zurück zum Stadttor, eilte dort die Treppe hinab und huschte ohne von den Wachen bemerkt zu werden hinaus ins Sunqua-Tal. Als sie an den Ort ankam, den sie von der Mauer aus beobachtet hatte, war das etwas weg, doch der Geruch des Kadavers lag noch immer deutlich in der Luft. Wenige Minuten ging sie dem Duft nach, bis sie erneut das schleifende Geräusch hörte. Yong folgte ihm und kam ihm dabei immer näher, schon bald konnte sie eine Silhouette in der Nacht ausmachen. Es hielt inne – Yong blieb stehen. Sie zögerte, der Geruch war unverkennbar, und wenn der Diener stehen blieb musste sich sein Meister in unmittelbarer Nähe befinden. Ihr Herz pochte immer lauter und sie nahm allen Mut, den sie besaß zusammen:
„Anakai?“, in jenem einem Wort lag all ihre Hoffnung, ihre Sehnsucht und Ängste die sie seit der Trennung mit sich trug, und der Moment in dem sie auf Antwort einer vertrauten Stimme wartete schien eine Ewigkeit zu dauern – aber es kam keine Antwort.
Die dichte Wolkendecke riss auf und ließ den klaren Vollmond für wenige Augenblicke das Tal erhellen.  Es war, als hätte jemand ihr einen Eimer eiskalten Wassers übers Haupt gegossen. Nun sah sie, dass das was sie für ein Minion gehalten hatte nicht mehr als ein gerissenes Büffelkalb war. Ein Tiger kauerte über seiner Beute und starrte die Assassinin unsicher an. Dann packte er erneut das Kalb und zog es weg von ihr – dasselbe schleifende Geräusch, das sie von der Mauer aus gehört hatte.
Yong spürte einen Stich in ihrem Herzen, doch ihre Tränen waren versiegt. Jetzt war es ihr bewusst, er würde nie zurückkommen. Und einen kurzen schmerzlichen Moment dachte sie an ihre schöne gemeinsame Zeit.
Dann drehte sie sich auf den Absatz um und verließ das Tal, verließ das Kloster und verließ die Insel Shing-Jea , so wie auch er sie verlassen hatte – für immer.










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