Kopfkino
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»Da vorne ist es. Du kannst vor dem Schild da halten«
»Hier?«
»Ja.«
Mary-Anne ließ den Wagen langsam ausrollen und kam schließlich vor einen der kleinen, weißen Reihenhäusern zum Stehen. Sie trat auf die Bremse und legte den ersten Gang ein.
»So, da wären wir«, sagte sie etwas wehmütig.
Es war ein schöner Abend gewesen. So schön, wie jeder Moment, den sie bereits gemeinsam verbracht hatten.
Henry warf einen prüfenden Blick hinaus aus dem Fenster zu seinem Haus. Die Lichter waren bereits alle erloschen.
»Na dann«, sagte er endlich und klang dabei etwas aufgeregt.
Einige Sekunden vergingen, während er erfolglos am Verschluss des Sicherheitsgurtes herumnestelte.
»Er klemmt«, sprach Henny schließlich und grinste verschmitzt. »Wundert mich nicht, bei dieser alten Karre!«
»Ha, ha«, entgegnete Mary-Anne trocken und rollte, mit gespielter Genervtheit, die Augen.
Er zog sie ständig damit auf, dass sie einen so alten, klapprigen Wagen hatte und er einen Sportwagen fuhr.
»Nimm mal die Finger da weg und lass mich sehen!«
Henry gehorchte ohne Widerrede, ohne sich in den Sitz zurückzulehnen.
Kritisch beäugte Mary den Schnapper von oben und drückte auf den signalroten Knopf. Es klickte leise und der Gurt schnellte zurück.
»Na siehst du!«, sagte sie triumphierend und hob den Kopf.
Doch Henry reagierte gar nicht darauf. Ein diabolisches Grinsen hatte sich auf seinen schmalen Lippen gebildet. Mary stutze irritiert.
Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt und selbst im fahlen Licht der Straßenlaterne konnte sie Henrys blau-grünen Augen glänzen sehen.
Vor Überraschung hielt sie den Atem an, während ihr Herz einen Trommelwirbel in ihrer Brust nachamte und schließlich einen Herzschlag aussetzte, als er ihr näher kam und die Augen schloss.
Mary erstarrte. Nicht fähig sich zu rühren, nicht fähig zu denken oder gar zu atmen.
Seine Lippen berührten zaghaft die ihren, legten sich bedächtig auf ihren Mund und lösten ein Kribbeln in ihrem Körper aus, nach dem sie sich so sehr verzehrte.
Einen kleinen Moment lang rang Mary mit sich, mit ihrem Gewissen und der Tatsache, dass es nicht richtig war. Doch die Gefühle, die er in ihr auslöste waren viel zu schön, als dass Mary sie nicht zulassen wollte und so gab sie sich dieses eine Mal hin.
Seine Lippen waren rau, sein Kuss wurde fordernd und weckte in ihr Leidenschaft. Zwölf Wochen schon verzehrte sie sich nach Liebe, nach Zärtlichkeit und Intimität.
Er löste ein brennendes Verlangen in ihr aus und sie schämte sich dafür. Schämte sich für ihre Unehrlichkeit und den Verrat, den sie begann. Sie fühlte sich schlecht deswegen und gleichzeitig war sie sich bewusst, dass sie schon viel zu lange davon geträumt hatte.
Wie lange ging ihr Spiel schon? Ein paar Monate vielleicht, doch nie war wirklich etwas Ernstes geschehen. Die Vernunft war stets an der Seite von einen der beiden geblieben. Hatte den jeweils anderen auf den Boden der Tatsache zurückgeholt, wenn der Höhenflug zu hoch hinausging und so war es immer nur bei Neckereien und Wortspielen geblieben.
Doch innerlich sehnte sich Mary-Anne danach und ihm ging es nicht anders, doch bisher hatten sie immer die Vernunft walten lassen.
Es wäre ihm gegenüber einfach nicht fair gewesen. Ihr gegenüber ebenso wenig, auch wenn Mary die Ansicht vertrat, dass sie sich ihres Glücks gar nicht bewusst war.
Sie war sich Henrys Wert nicht bewusst und es machte Mary-Anne jedes Mal traurig, wenn er ihr wieder von ihren verbalen Gemeinheiten erzählte.
Als er sich von ihr löste, war sie hin und hergerissen zwischen Enttäuschung und Schuldgefühlen. Sie sah Henry nicht an und zog ihren Kopf aus seinen Händen, obwohl alles in ihr protestierte.
Er war ein toller Mann, er war einzigartig, doch leider hatten sie sich zur falschen Zeit kennen gelernt.
Sie konnte seinen traurigen Blick nicht sehen, auch er litt, doch auch ihm siegte die Vernunft; meistens zumindest.
»Mary –«
»Nein«, flehte sie und wandte sich von ihm ab, »sag es nicht!«
»Aber ich –«
»Bitte! Geh einfach«, ihre Stimme riss ab.
Wann hatte sie sich je so schlecht gefühlt?
Einige Sekunden blieb Henry stumm sitzen und betrachtet sie, ohne die richtigen Worte zu finden. Dann ging die Tür auf und nach einem zaghaften ›gute Nacht‹ war er verschwunden um da hinzugehen, wo er hingehörte ohne die Tränen der Verzweiflung zu sehen, sie Mary die Wangen herab rannen.

Ein kühler Lufthauch riss sie aus ihren Gedanken.
Henry stand neben ihrem Wagen und hatte sich heruntergebeugt, um hineinsehen zu können.
»Montag wie immer?«, fragte er mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen.
»Wie immer«, antwortete Mary etwas trübsinnig.
»Na dann, fahr’ vorsichtig, gute Nacht und träum ’was schönes, Mary.«
»Mach ich, Nacht Henry.«
Die Beifahrertür wurde zugeschlagen, Sekunden später war er durch die Haustür und verschwunden.
Mary lehnte sich kurz in den Sitz zurück und schloss die Augen. Manchmal wünschte sie sich, nicht so stark zu sein. Manchmal wünschte sie sich, sich ihren Gefühlen hingeben zu können … nur manchmal.
Sie seufzte, kontrollierte den Gang und fuhr los.
Morgen schon würde sie froh über ihre Willensstärke sein. Es war gut so wie es war, auch wenn es gerade ziemlich düster war. Doch Mary hatte gelernt, dass auf jede Dunkelheit auch wieder Licht folgte. Man musste nur genügend Ausdauer haben und bemüht bleiben.
Sie seufzte erneut. Es gab Gedanken, die man besser nicht aussprach und Dinge, die man sich am besten nur erträumte. Solange das so blieb, solange war nichts Falsches daran. Die Gedanken waren frei. Es war einfach nur Kopfkino!








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